Überlegungen rund um den Begriff „Abendland“


Derzeit geistern einige Wörter durch Deutschland, Europa und die Welt, bei denen man sich immer wieder fragt: Ist den Menschen eigentlich klar, was die von ihnen benutzten Begriffe eigentlich bedeuten? Oder auch: Warum plappern immer mehr Menschen einfach Parolen u.ä. nach, die nicht selten menschenfeindliche Intentionen haben?
Ganz besonders scheint dies für Bezeichnungen wie „Gutmenschen“, „Lügenpresse, „Volksverräter“ und „(christliches) Abendland“ zu gelten. Hier möchte ich mich jedoch nun vor allem mit dem „Abendland“ beschäftigen. Aber: Wofür genau steht eigentlich dieser Begriff? Wahrscheinlich denken Sie nun: „Ja was denn, das ist doch nur ein anderes Wort für Europa?!“ Sicher, oberflächlich betrachtet stimmt das – eigentlich ist es aber vielschichtiger. Schaut man z.B. bei Wikipedia unter „Abendland“ nach, erfährt man schon einiges Interessantes zu der Bezeichnung. So wurde ursprünglich vor allem der westliche Teil Europas als „Abendland“ (auch: „Okzident“) bezeichnet. Damit gemeint sind insbesondere die lateinischsprachigen Westprovinzen des Römischen Reiches in Europa, die spätestens bis 476 verloren gingen. Im Kalten Krieg dagegen wurde die Bezeichnung in Übereinstimmung mit dem Begriff der „westlichen Welt“ genutzt. Nachdem dieser durch den Mauerfall beendet wurde, wurde auch der christlich-orthodoxe ost- und südosteuropäische Teil bis hin zum Bosporus als Okzident bezeichnet. Auch deshalb wurde Istanbul verstärkt eine «kulturelle und wirtschaftliche Brückenfunktion zwischen Abendland und Morgenland bzw. Okzident und Orient» zuteil. Diese Begriffserweiterung führte dazu, dass das Wort „Abendland“ heute vor allem geographisch verwendet wird – natürlich abgesehen von denen, die ihn für ihre Ideologie instrumentalisieren. Doch nun noch einmal weiter zurück zum Ursprung der Bezeichnung, der insbesondere im Mittelalter liegt: Damals ging man davon aus, dass der Kontinent Europa der untergehenden (Abend-) Sonne am nächsten ist – eben das „Abendland“. Demgegenüber steht der Orient oder das Morgenland, zu dem jedoch nicht nur die islamische Prägung, sondern auch eine griechisch-orthodoxe Prägung zählt. So wurde die griechisch-orthodoxe Kirche bis ins 19. Jahrhundert häufig auch als „morgenländische Kirche“ bezeichnet. Nach dem Ende der Weimarer Republik knüpfte man wieder verstärkt an traditionelle europäische Erzählungen und Symbole an, was dann in der Zeit des Nationalsozialismus zur Verbreitung einer „spezifischen abendländischen Identität“ führte. So wurde durch den in Deutschland und in großen Teilen Europas sich verbreitenden Nationalsozialismus der Begriff „Abendland“ von den Nazis vor allem für ihre Propaganda genutzt. Diese sog. „arisch-abendländische“ Kultur diente somit hauptsächlich zur Legitimation für die Angriffskriege, Deportationen und anderen Verbrechen der Nazis. Sie wurde als ‚Abgrenzungsmerkmal‘ gesehen, mit dem Feindbilder der eigenen Zugehörigkeit „gegenübergestellt und in die vorherrschenden Ideologien von Rasse, Blut und Boden sowie in nationalsozialistische Europapläne integriert“ wurden. Und in eine ähnliche Richtung geht auch die Abendland-‚Definition‘ rechter Gruppierungen, was diese offenbar durch den Zusatz „christlich“ zu verschleiern versuchen. In erster Linie jedoch nutzen Parteien wie bspw. die AfD und Gruppierungen wie Pegida & Co. die Bezeichnung „Abendland“ zur ‚Abgrenzung‘ vom „steinzeitlich-muslimischen Morgenland“ und damit für ihre menschenfeindliche Propaganda. Mit christlichen Werten hat dies rein gar nichts zu tun. Zumal sie im Prinzip durch diese gezogene ‚Abgrenzung‘ die (weißen) Europäer per se auf eine höhere Stufe stellen, als Menschen, die im Orient leben. Natürlich beziehen sich AfD & Co. meist auf die Kultur und Tradition bzw. lassen es so aussehen, doch das ist nicht möglich: Es gibt weder im Okzident noch im Orient feste, allgemeingültige Kulturen oder Traditionen. Es gibt so viele verschiedene Regionen, die alle unterschiedliche Traditionen und damit auch jeweils andere Kulturen entwickelt haben. Beispiel Deutschland: Allein die von Region zu Region verschiedenen Traditionen machen das verhältnismäßig kleine Land äußerst  abwechslungsreich. Und in Norddeutschland versteht man unter Kultur etwas komplett anderes als in Bayern. Daran sieht man, dass es so etwas wie eine bestimmte Kultur einfach nicht gibt – und das gilt natürlich für alle Kontinente gleichermaßen. Auch und gerade der Nahe Osten ist vielfältiger, als viele Menschen dies meinen mögen. Leider ist in den letzten Jahren dort viel zerstört worden, doch gibt es weiterhin eine Vielfalt an Traditionen und Kulturen. Deshalb ist es letzten Endes einfach nur menschenverachtend, so zu tun, als seien „wir“ besser als „die anderen“, denn „den anderen“ wird eine zurückgebliebene, unzivilisierte Kultur angedichtet, die es so aber nicht gibt. Der Nahe Osten ist halt einfach nicht nur „Daesh“ oder Saudi-Arabien. Es ist nicht in Ordnung, eine Religion oder gar eine ganze Region bspw. mit einer mörderischen Terrorbande wie „Daesh“ gleichzusetzen. Es ist ganz klar, dass „Daesh“ nichts mit dem Islam zu tun hat – es ist eine Terrororganisation, die den Islam für sich instrumentalisieren. Letztlich nicht anders, wie die Rechten das „christliche Abendland“ oder ds Christentum im Allgemeinen für ihre Zwecke nutzen, obwohl sie nun einmal gar nichts mit dem Christentum am Hut haben – da kann Pegida noch so Weihnachtslieder ’singen‘, von der christlichen Lehre haben sie keine Ahnung. Genauso wie nicht jeder Weiße für die Verbrechen von Rechtsextremen verantwortlich gemacht werden sollte. In diesem Zusammenhang wirkt es schon sehr kurios, wenn sich Rechte wieder einmal darüber beklagen, dass alle Deutschen sich für die Verbrechen der Nazis verantwortlichen sollen – für immer und ewig. Dabei entspricht das doch genau deren Logik. Wenn ein afghanischer Flüchtling einen abartigen Mord begeht, werden Afghanen – oder Flüchtlinge im Allgemeinen – von den Rechten generell dafür in Mithaftung genommen. Begehen nordafrikanische Migranten Straftaten wie in der Silvesternacht, wird dies ebenfalls sämtlichen Migranten und Flüchtlingen angekreidet. Für die Terroranschläge in Europa und anderen (westlichen) Ländern gilt dasselbe – Generalverdacht gegen alle, die irgendwie ‚ausländisch‘ aussehen. Es ist nicht richtig, mit derartigen Pauschalisierungen Wahlkampf machen zu wollen. Denn der Orient ist genauso vielfältig wie der Okzident und die Menschen, die dort leben oder von dort kommen, haben genauso individuelle Persönlichkeiten wie „wir“ auch. So, und bevor ich gar nicht mehr zum Ende komme, beende ich diesen Text nun. 😏

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