Der Holocaust – Vergessen und verharmlosen kann keine Option sein


Gestern abend liefen auf Arte einige Dokumentationen zum Themenbereich Holocaust, u. a. auch „Night will Fall – Hitchcocks Lehrfilm für die Deutschen“. (1)
Dieser Dokumentarfilm handelt von einem unvollendet gebliebenen Filmprojekt aus dem Jahre 1945. In diesem sollten die Verbrechen der Nazis in den Konzentrationslagern dargestellt werden – insbesondere die unfassbaren Zustände in Auschwitz, Bergen-Belsen, Dachau und Ebensee. Das Filmmaterial stammt von Kameraleuten der Alliierten, die die Befreiung der Lager im Jahre 1945 begleitet haben. Noch im selben Jahr sollte eine Dokumentation aus dem Material entstehen, um diese unzähligen, beispiellosen Gräueltaten neben deutschen Kriegsgefangenen auch der deutschen Bevölkerung „vorzuführen“. Letzten Endes wurde das Projekt nicht vollendet, da die britischen Behörden statt weiter auf Entnazifizierung vermehrt auf Zusammenarbeit mit den Deutschen setzten. Bei den Kriegsverbrecherprozessen in Hannover und Nürnberg wurden einzelne Filmaufnahmen als Beweismaterial verwendet. Seither galt das Material verschollen – bis es im Jahr 2014 wiederhergestellt werden konnte.

Es ist oft so, wenn ich Dokus zu dieser Thematik sehe, dass ich über die Erzählungen und insbesondere die Bilder noch lange nachsinne. Es macht mich einfach immer wieder auf’s Neue fassungslos. So auch gestern.
Die Bilder der übereinander gestapelten leblosen Körper, die halbtot aussehenden Überlebenden etc. Es ist so unvorstellbar, was diese Menschen durchgemacht haben!
Fast noch unvorstellbarer ist, dass Menschen zu solchen beispiellos widerwärtigen Taten fähig sind. Und das überall in Deutschland bzw. dem von den Nazis okkupierten Gebiet. Selbst ländliche Regionen blieben nicht von den Nazischergen verschont; sie haben Menschen jüdischer Religion aus den entlegensten Winkeln geholt.
In Balve, meiner Heimatstadt, hat damals ein einziger Jude gelebt – und auch er blieb nicht verschont. Dazu kamen diverse Lager, in den Zwangsarbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen festgehalten wurden, darunter z.B. das sogenannte „Arbeitserziehungslager Sanssouci“. (2)
Im Hönnetal befand sich eines der größten geheimen Bauprojekte der Nazis – das sogenannte Geilenberg-Projekt „Schwalbe I“ (Deckname „Eisenkies). (3) Dort sollte unterirdisch Treibstoff hergestellt werden. Aus diesem Grunde gab es in dieser Region noch viele weitere Zwangsarbeiterlager.
Zwar gab es in dieser Region auch zahlreiche Menschen, die mehr oder weniger versucht haben, sich den Nazis entgegenzustellen. Auch das wird in einigen der zusammengestellten Links unter (2) deutlich. Dennoch, die Gräueltaten der Nazis zogen sich buchstäblich wie ein riesiges, dichtes Spinnennetz durch das Gesamte von ihnen okkupierte Gebiet. Auch mein Opa hat im zweiten Weltkrieg als Wehrmachtssoldat für diese Leute gekämpft. Ich weiß nicht, ob aus Überzeugung – laut meiner Oma war er, wie es eigentlich so ziemlich alle in der Familie waren (schon deshalb bin ich das schwarze Schaf der Familie), strenggläubiger Christ – oder ob er sich dem einfach nicht entziehen konnte (oder wollte?). Ich konnte ihn nie fragen, da er gegen Ende des zweiten Weltkriegs im Elsass (soweit ich weiß) schwer verwundet wurde und zwei Jahre später an den Folgen starb. Auch mein Vater konnte ihn nicht mehr kennenlernen, da mein Opa etwa zwei Monate vor der Geburt meines Vaters starb. Was ich weiß, ist, dass meine Oma und die anderen meiner zu der Zeit lebenden Verwandten, froh waren, als die Nazis beseitigt waren. Deren Ideologie haben sie nie geteilt. Das galt offenbar für viele Menschen in Balve, viele waren Mitläufer, manche haben auch mehr oder weniger offen ihre Ablehnung deutlich gemacht. Doch es gab eben auch Überzeugungstäter. Leider hat sich bisher niemand wirklich ausführlich mit dem Thema beschäftigt.

Jedenfalls hat meine Oma bzw. Uroma bspw. die alliierten Soldaten (heimlich) mit Essen versorgt.

Doch das ändert nichts daran, dass mich, wenn ich Dokumentationen über die NS-Zeit sehe, regelmäßig ein Gefühl der Scham überkommt – wahrscheinlich wäre das auch so, wenn mein Opa nicht in der Wehrmacht gekämpft hätte. Denn eigentlich kann man angesichts der NS-Vergangenheit als Deutsche*r nur beschämt sein. Was manche offenbar nicht nachvollziehen können.

Es will mir einfach nicht in den Kopf, wie Hass so groß werden kann, dass es zu solchen maßlosen, unfassbaren Verbrechen kommt.
Ein ebenso großes Rätsel ist mir, wie manche Leute ernsthaft den Holocaust verleugnen können.
Und es macht mich fassungslos, dass es Leute wie Höcke gibt, die für ihre Relativierung der NS-Zeit auch noch laut neuesten Umfragen Zustimmung bekommen. (4) Mal ganz abgesehen von der Bezeichnung eines Holocaust-Denkmal als “Schandfleck im Herzen der Hauptstadt” ist es eigentlich schon an sich ein Skandal, was er über den Geschichtsunterricht in Deutschland gesagt hat. (5)
Es ist unerlässlich, dass die NS-Zeit im Schulunterricht thematisiert wird. Gerade in einer Zeit, in der Rechte versuchen, ihre menschenverachtende Ideologie (wieder) salonfähig zu machen, ist die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit wichtiger denn je. Im Prinzip zeigen diese vermeintlichen, selbsternannten Patrioten mit den regelmäßigen Relativierungen der Nazi-Verbrechen, dass ihnen rein gar nichts an der deutschen Geschichte und auch der Kultur liegt. Denn wer die negativen Aspekte der Geschichte eines Volkes bzw. einer Nation einfach ausblenden will, dem kann selbige(s) nicht wichtig sein. Denn wichtig ist diesen Leuten allein die Manipulation der Meinung, damit sie die Macht bekommen, die sie ihrer Meinung nach als Einzige ‚verdient‘ hätten.
Und überhaupt: Es hat nichts mit Meinungsfreiheit oder -Vielfalt zu tun, etwas zu verleugnen, das nicht nur historisch belegt ist. Das ist keine Meinung, das ist Ignoranz. Nicht mehr und nicht weniger.
Wir alle können doch nur dann aus den Fehlern vorheriger Generationen lernen, wenn wir uns mit diesen auch ernsthaft auseinandersetzen – und vor allem diese auch akzeptieren. Und ob „wir“ es wollen oder nicht, die NS-Zeit und die damit verbunden Gräueltaten gehören nun einmal zu unserer Geschichte.
Im Übrigen bin ich mir auch gar nicht sicher, was die AfD dann gerne im Geschichtsunterricht lehren lassen würde. Den ersten Weltkrieg schönreden? Oder vielleicht den Genozid an den Herrero verdrehen? Man weiß es nicht und ich hoffe, dass wir es niemals erfahren müssen.

Jetzt habe ich wieder etwas mehr geschrieben, als ich eigentlich vor hatte, daher beende ich diesen Blog-Eintrag nun mal.

Im Folgenden noch einige Links zum Thema, auf die ich mich bezogen habe:

(1)
http://www.zeit.de/kultur/film/2015-01/night-will-fall-hitchcock-ard
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Night_will_fall_%E2%80%93_Hitchcocks_Lehrfilm_f%C3%BCr_die_Deutschen
http://www.spiegel.de/kultur/tv/auschwitz-night-will-fall-von-hitchcock-ueber-holocaust-und-kz-a-1014970.html

(2)
http://www.plettenberg-lexikon.de/bergbau/mk/schwalbe1/polenz.htm (bezieht sich auf die Geschichte von Balve zur NS-Zeit)

http://www.plettenberg-lexikon.de/bergbau/mk/schwalbe1/witte.htm (speziell zum Lager Sanssouci)

Kurze Geschichte der Stadt Balve:
http://www.balve-online.de/unsere_stadt/geschichte/amtundstadtgeschichte.shtml

Allgemeine Informationen zur Stadt Balve:
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Balve

Jüdischer Friedhof Balve:
https://de.m.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdischer_Friedhof_(Balve)

(3)
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Schwalbe_I

http://www.menden.de/lim/kf/ma/archiv/117130100000095742.php

http://www.plettenberg-lexikon.de/bergbau/mk/schwalbe1/schwalbe.htm

http://www.team-bunkersachsen.de/pages/u—verlagerungen/schwalbe-i-eisenkies.php

http://7grad.org/Exkursionen/U-Verlagerungen/Eisenkies/eisenkies.html

http://www.spiegel.de/einestages/vergessene-nazi-tunnelanlage-a-948524.html

http://www.lostareas.de/U-Verlagerungen/Schwalbe_1/U-Verlagerung_Schwalbe_1_Eisenkies.htm

Informationen zum Hönnetal im Allgemeinen:
https://de.m.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6nnetal

(4)
http://de.reuters.com/article/deutschland-wahl-umfrage-idDEKBN1590MA

(5)
http://www.badische-zeitung.de/deutschland-1/hoecke-schmaeht-deutsche-holocaust-gedenkkultur–132602466.html

http://m.spiegel.de/lebenundlernen/schule/holocaust-bjoern-hoecke-zieht-kritik-der-geschichtslehrer-auf-sich-a-1130777.html

http://www.westfalen-blatt.de/Ueberregional/Nachrichten/Meldungen/2667074-Parteien-Geschichtslehrer-Verband-Hoecke-Aeusserungen-sind-absurd

http://www.tagesschau.de/inland/hoecke-ausschluss-103.html

http://www.noz.de/deutschland-welt/politik/artikel/839738/bjoern-hoecke-und-co-eine-ueble-gesellschaft

Hier noch der Link zu einer Internetseite mit Listen und Übersichten zu NS-Lagern, -Opfern u.a.:
http://www.tenhumbergreinhard.de/1933-1945-lager-1/1933-1945-lager-b/index.html

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4 Gedanken zu “Der Holocaust – Vergessen und verharmlosen kann keine Option sein

  1. Also ehrlich gesagt bin ich vom Geschichtsunterricht auch nicht so überzeugt. Nicht weil die dort etwas lächerlich machen, sondern weil es irgendwie nicht fruchtet. Das erinnert mich übrigens immer an das Buch „Die Welle“ von Morton Rue. Im Grunde wurde es dort bewiesen. Die Schüler hatten solche Filme geschaut, waren entsetzt, meinten sie verstehen nicht wie so was passieren konnte, sie würden das nie machen und kurz danach tun sie es dennoch. So ist das auch mit dem Geschichtsunterricht hier. Das Thema wird ernst immer und immer wieder durchgekaut und trotzdem wiederholt sich alles. Meine Große hat einige Mitschüler mit denen sie sich regelmäßig Rededuelle leistet weil die hetzerischen Mist von sich gebe- trotz des ganzen Geschichtsunterrichtes. Das ist alles zu entfernt, zu weit weg, zu lebensfern. Äußerungen von Politikern und Medien, Darstellungen in Filmen und Serien, Eltern,… das hat alles eine größere Wirkung als der Geschichtsunterricht. Das siehst du in allen Bereichen. Nicht nur wenn es um die NS-Zeit geht.

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    1. Da kann ich nur zustimmen, der (Geschichts-) Unterricht könnte einige Verbesserungen vertragen. Zu trocken, ja, lebensfern. Und eigentlich sollte die Schulzeit doch auch auf das spätere Leben vorbereiten. Das wäre jedenfalls meine Sichtweise.
      Diese Ereignisse zu thematisieren war, ist und bleibt unerlässlich, aber es müsste den Schülern anders rübergebracht werden.
      Wenn ich an meinen Geschichtsunterricht zurück denke, fällt mir als erstes das Wort „Langeweile“ ein. So trocken und weit weg, die Themen im Geschichtsbuch wurden durchgegangen, aber nie wirklich vertieft; zu wenig Anschauungsunterricht.
      Und das gilt längst nicht nur für das Fach Geschichte…😐
      Liebe Grüße, Marisa P. 🌸

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      1. Das stimmt. Allerdings ändert es nichts an der Sache selbst, denn man muss diese Themen nicht in den Geschichtsunterricht bringen sondern öffentlich machen. Leute gehen nicht Trendkleidung kaufen weil sie Im Uneterricht davon erfahren, sondern weil sie die im Laden bekommen und „Stars“ sie tragen. Trendnahrungsmittel oder auch alles andere. Die Leute beachten was sie ständig vor der Nase haben, nicht was sie im Unterricht lernen. Du kannst ihnen erzählen was du willst, sie müssen es erst erleben.

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  2. Ja, das wäre ein wünschenswerter Optimalzustand. Gerade in dieser Zeit wäre das wichtig. Leider bräuchte es dazu erst einmal ein Umdenken vieler Menschen bzw. im Idealfall der Gesellschaft im Allgemeinen…😩

    Liebe Grüße 🌸

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