Grundlagen der Pflanzenbestimmung – Teil 1


Wie im Beitrag mit allgemeinen Hinweisen zum Sammeln von Heilpflanzen erwähnt, sollte man zur möglichst sicheren Pflanzenbestimmung immer ein Bestimmungsbuch dabeihaben.
Dennoch sollte einiges Grundwissen vorhanden sein, wozu ich mit den folgenden Texten zu den wichtigsten Grundlagen beitragen möchte.

🔹 Die Blüten
Sie stellen vor allem wegen ihrer Formenvielfalt ein äußerst wichtiges Bestimmungsmerkmal dar, das in vielen Fällen die Bestimmung recht einfach macht. Das liegt auch daran, dass Blüten aus mehreren Elementen bestehen. So haben die meisten Blüten eine Blütenhülle (Perianth, in bestimmten Fällen Perigon), aus Kelch– und Kronblättern (Sepalen und Petalen) in welcher sich die männlichen Staubbeutel (Stamina bzw. Androeceum) – die die Pollen bilden – und die weiblichen Fruchtblätter bzw. –knoten (Gynoceum) befinden. Doch das ist nur die Grundform, denn der genaue Aufbau und die Form der Blüten sowie ihren Elementen sind wichtige Artenmerkmale für die jeweiligen Pflanzenfamilien.
Im folgenden einige Beispiele für die unterschiedlichen Merkmale der Blüten:

◾ Form und Aufbau
Das Aussehen der verschiedenen Blüten hängt vor allem von der Anzahl der Blütenblätter (auch Elemente genannt) und den typischen Familienmerkmalen (dazu später mehr) ab. Ebenfalls eine Rolle spielt die Lage der Symmetrieebenen, auf die ich nur kurz eingehe, da das wahrscheinlich hier den Rahmen sprengen würde:

▪ Blüten mit vier Elementen haben zwar häufig zwei Symmetrieebenen, sind somit disymmetrisch, können aber auch radiärsymmetrisch sein. Letzteres ist der Fall, wenn sich die Blüten durch vier Symmetrieebenen teilen lassen. Beide Symmetrien treffen auf Kreuzblütler (Brassicaceae)zu.
Fünfzählige Blüten – d.h., Blüten mit fünf Elementen – sind zum größten Teil radiärsymmetrisch, wobei es kaum eine Rolle spielt, ob die Blütenblätter verwachsen sind oder einzeln stehen.
▪ Andere zahlreiche Blüten sind auch zygomorph bzw. monosymmetrisch, was bedeutet, dass sie aus zwei spiegelgleichen Hälften bestehen, also nur eine Symmetrieebene haben. Zu den zygomorphen Blüten gehören vor allem die Lippen– und Schmetterlingsblütler (Lamiaceae und Fabaceae). Mehr dazu unter (1).

◾ Anordnung
Ein weiteres wichtiges Merkmal ist die Anordnung der einzelnen Blüten. Dabei kommt es eher selten vor, dass nur eine einzige Blüte am Ende des Stängels steht (z. B. bei Klatsch- und Schlafmohn).

Zeichnung einer Mohnpflanze mit endständiger Einzelblüte

Bei den meisten Pflanzen jedoch werden aus mehreren Blüten verschiedenartige Blütenstände gebildet. Das gilt auch für die Korbblütler (Asteraceae), obwohl es scheint, als hätten diese ebenfalls eine endständige Einzelblüte. Erst, wenn man genauer hinschaut, wird deutlich, dass die Blütenköpfe nur das „Gesamtergebnis“ der unzähligen einzelnen Blüten sind. Denn jedes Blütenköpfchen besteht aus zahlreichen Zungen- und/oder Röhrenblüten, von denen jede eine fünfzählige Einzelblüte ist. Beispiele dafür sind Ringelblumen (Calendula), Gänseblümchen (Bellis perennis), Huflattich (Tussilago), Löwenzahn (Taraxacum), Alant (Inula), Arnika (Arnica) etc. Mehr zur Familie der Korbblütler später.

Das Gottesgnadenkraut (Gratiola officinalis) ist dagegen ein Beispiel für Pflanzen, bei denen jeweils einzelne Blüten entlang des Stängels an kurzen Stielen stehen.

Zeichnung von mehreren Einzelblüten und doldigem Blütenstand

Wie auf dem obigen Foto zu sehen bilden Doldenblütler wie Kümmel (Carum), Anis (Pimpinella anisum), Dill (Anethum graveolens), Giersch (Aegopodium podagraria) und Kerbel (Anthriscus nitidus) doldige Blütenstände, die sich von einem Punkt aus strahlenartig ausbreiten. An den Enden dieser „Strahlen“ stehen jeweils die meist eher kleinen Einzelblüten.

Dagegen stehen bei den meist schmalen, aber langen traubigen Blütenständen kurz gestielte Blüten seitlich an einer gerade wachsenden, unverzweigten Sprossachse. Solche Blütenstände kommen bspw. bei Wicken (Vicia), Hasenglöckchen (Hyacinthoides), Lupinen (Lupinus)Fingerhüten (Digitalis)und Hyazinthen (Hyacinthus) vor.

Unter den als Trauben bezeichneten Blütenständen gibt es aber noch weitere Unterteilungen:
▫ Da wäre die Schirm– oder Doldentraube, bei der die Hauptachse gestaucht und die Nebenachsen, an denen die Blüten stehen, verlängert sind. Diese Art der Anordnung kommt jedoch eher selten vor und ist bei Pflanzen wie dem Dolden-Milchstern (Ornithogalum umbellatum) zu finden. Zudem kommt die Schirmtraube in unvollkommener Form bei einigen Kreuzblütlern – z.B. Schleifenblumen (Iberis) oder Hirtentäschelkraut (Capsella) – vor. Eine Variation dieser Blütenanordnung ist die Schirmdolde, die bspw. beim Rainfarn (Tanacetum vulgare) zu finden ist.
▫ Eine weitere Variation ist die Doppeltraube (Dibotryum). Bei diesen werden die Blüten der Traube durch traubige Teilblütenstände ersetzt, wodurch der Blütenstand oft sehr dicht aussieht. Dies ist insb. dann der Fall, wenn es sich um eine heterothetische Doppeltraube handelt; hier bildet auch die Hauptachse eine Traube. Fehlt diese oberste Traube, wird die Anordnung als homöothetische Doppeltraube bezeichnet. Doppeltrauben kommen u.a. bei Steinklee (Melilotus), Wiesen-Schwingel (Festuca pratensis), Heidekraut (Calluna) und der Hebe vor.

Zeichnung von traubigen und rispigen Blütenständen

Ein ähnlicher Blütenstand ist die Rispe, die allerdings im Gegensatz zur traubigen Anordnung eine verzweigte Hauptachse besitzt. Diese Seitenäste sind jeweils mit Einzelblüten besetzt und enden wie die Hauptachse mit einer sog. Terminalblüte.
Beispiele für rispige Blütenstande sind Weinrebe (Vitis vinifera), manche Eisenhutarten (Aconitum), Beifuß (Artemisia vulgaris), Astilben, und einige Phloxarten.

Eine weitere Art der Anordnung ist der ährige Blütenstand, bei dem ungestielte Blüten an der unverzweigten Hauptachse – der sog. Ährenspindel – stehen. Oftmals blühen bei dieser Anordnung die unteren Blüten zuerst auf.
Diese Form ist bspw. bei Spitzwegerich (Plantago lanceolata), Scheinhaseln (Corylopsis), Waldziest (Stachys sylvatica), Heilziest (heute meist Echte Betonie; Betonica officinalis) sowie Getreide wie Weizen und Gerste zu finden.
Bei Pflanzen wie dem Schlangenknöterich (Bistorta officinalis), und manchen Salbeiarten (Salvia) sowie Süßgräsern wie Wiesen-Lieschgras(Phleum pratense) sind die Blüten in Scheinähren angeordnet.
Auch Lavendel hat einen ährig aussehenden Blütenstand, der jedoch aus mehreren Scheinquirlen zusammengesetzt ist.

Zeichnungen des ährigen und quirligen Blütenstands

Obwohl es noch einige andere Anordnungsarten gibt, zum Ende dieses Abschnitts nur noch der quirlige Blütenstand. Bei diesem sind jeweils mehrere Blüten in Quirlen (auch als Wirtel bezeichnet) ringförmig um den Stängel angeordnet. Diese Art von Blütenständen ist z. B. bei Taubnesseln (Lamium), Klebrigem Salbei (Salvia glutinosa) und Hohlzahn (Galeopsis) zu finden.
Wie schon erwähnt besitzt der Lavendel Scheinquirle, die aus sechs bis zehn Blüten bestehen und die sich zu einem ährigen Blütenstand „vereinigen“. Weitere ausführlichere Informationen bspw. unter (2)

◾ Farbe
Ein weiteres wichtiges Erkennungsmerkmal stellt natürlich die Farbe der Blüten dar. Die Thematik der Blütenfarbe ist etwas komplexer, als man vielleicht zunächst denkt. Denn jede Farbe hängt nicht nur von Farbstoffen ab, auch das Licht spielt eine Rolle. So enthält bspw. der leuchtend rote Klatschmohn (Papaver rhoeas) Anthocyane, eine zu den Flavonoiden gehörende Art von Farbstoffen, die jedoch auch in blauen Blüten vorhanden ist. Und da kommt dann das Licht ins Spiel, das blau rot erscheinen lassen kann: Die Farbstoffe „verschlucken“ Teile des weißen Sonnenlichts und reflektieren andere – weiße Blütenblätter reflektieren alle Wellenlängen, weshalb sie weiß erscheinen -, was häufig auch vom Säuregrad abhängig ist. Je nachdem, wie hoch dieser Säuregrad des Zellsaftes ist, reflektieren die Blüten die roten oder blauen Teile des Sonnenlichts. Damit ist auch der Farbwechsel des Lungenkrautes zu erklären.
Die von uns gesehene Farbe basiert also vor allem auf den unterschiedlichen Wellenlängen und Lichtstrahlen.
Übrigens enthalten hellgelbe Blütenblätter neben Flavonolen (ebenfalls zu den Flavonoiden zählenden Farbstoffen), auch Chalcone oder Aurone, während mittel- bis dunkelgelbe Blüten vor allem Carotinoide oder Anthoxanthinen als Farbstoffe enthalten.
Da dies eine kurze Zusammenfassung der Thematik war, unter (3) einige weitere Informationen über die Farbe der Blüten.

Damit die Beiträge nicht ellenlang werden, beende ich nun diesen ersten Teil. Im zweiten Teil werde ich mich dann mit einigen der wichtigsten Pflanzenfamilien beschäftigen.

(1)
http://www.pflanzenforschung.de/index.php?cID=7796

(2)
http://www.biologie.uni-ulm.de/lehre/allgbot/inflo.html

http://www.spektrum.de/lexikon/biologie-kompakt/bluetenstand/1731

(3)
http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Bl%C3%BCtenfarben

https://pflanzenbestimmung.info/

Beitragsbild: Zeichnung des Aufbaus einer Blütenpflanze.

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