Einige Gedanken zur derzeitigen „Flüchtlingspolitik“


Egal ob im Fernsehen oder im Internet: Überall hört oder liest man davon, wie unsicher Deutschland – angeblich – geworden ist. Einer Umfrage des NDR zufolge fühlt sich eine Mehrheit der Deutschen sicher. (1) Doch es sind auch nicht wenige, die sich unsicher(er) fühlen.
Geht es bspw. um die Frage, ob sich in den letzten zwei Jahren die Sicherheitslage in Deutschland verschlechtert hat, haben 34% der befragten Frauen angegeben, sich weniger sicher auf öffentlichen Plätzen u.ä. zu fühlen. Allerdings sagen 53% der befragten Frauen, dass sie sich so sicher wie vorher fühlen.
Als ich auf „Phoenix“ die Dokumentation gesehen habe, um die es in dem Link unter (1) zugleich ging, habe ich mich gefragt, warum sich unsere Politiker nicht ein Beispiel am belgischen Mechelen nehmen.
Denn eines ist doch mal sicher:
Das jetzige Vorgehen führt in einen Teufelskreis, der nur sehr schwer wieder zu stoppen sein wird.
Es kann nicht angehen, dass geflohenen Menschen in gewisser Weise gar keine andere Wahl gelassen wird, als kriminell zu werden. Das gilt in besonderer Weise für diejenigen, die gerne als “alleinreisende, junge Männer” bezeichnet werden und möglicherweise auch noch aus einem vermeintlich sicheren Herkunftsland kommen.
Es ist zynisch, Länder als „sicher“ einzustufen, obwohl das Auswärtige Amt zugleich Reisewarnungen ausgibt. Und das betrifft längst nicht nur Afghanistan (2), sondern auch Algerien (Teilreisewarnung), Marokko, Tunesien, Libanon, Ägypten (Teilreisewarnung). Die Warnungen für diese Länder beziehen sich meist vor allem auf Terrorismus und Kriminalität, aber auch auf Besonderheiten in der Strafverfolgung. So wird z. B. auf die Strafbarkeit von Homosexualität und Ehebruch aufmerksam gemacht. Und es sind neben der Terrorismusgefahr vor allem diese Verbote, die viele Menschen dazu treiben, sich auf die Flucht zu begeben.
Zudem besteht auch für die Türkei eine Reisewarnung, was angesichts der derzeitigen Zustände kaum verwunderlich ist. Doch genau macht es umso unverständlicher, dass die Türkei dennoch weiterhin als Partner z. B. in der (sog.) Flüchtlingspolitik gilt. Dabei kann die Türkei nur mit sehr viel Zynismus als „sicheres Herkunftsland“ eingestuft werden.

Diese offensichtlichen Doppelstandards führen unwillkürlich zu der Frage, ob deutsche Touristen wirklich mehr wert sein sollen als Menschen, die aus Marokko, Tunesien oder gar Afghanistan fliehen. Wenn das die christlichen Werte sind, die ausgerechnet die Leute hochhalten wollen, die am liebsten jeden Flüchtling aus Deutschland fernhalten würden, dann ist das Christentum tot. Das mag drastisch klingen, ist aber angesichts christlicher Werte wie Nächstenliebe nicht allzu weit hergeholt.
Vor einiger Zeit habe ich mal wieder einen Unionspolitiker gehört, der allen Ernstes meinte, dass es ja auch gegen die Nächstenliebe sei, Flüchtlinge trotz drohender Überforderung aufzunehmen. Ich weiß nicht mehr, von wem das kam, ich weiß nur, dass ich es nicht fassen konnte. Da frage ich mich schon, ob Menschen, die so denken, das Neue Testament überhaupt in Gänze kennen.
Nicht, dass es etwas Neues wäre, sich aus der Bibel das herauszupicken, was gerade passend scheint. Im Prinzip könnte man jede noch so dämliche Behauptung mit einem Bibelzitat „belegen“, was ich immer wieder auf’s Neue äußerst kurios finde. Es ist diese Instrumentalisierungen, die Religionen zu einem Problem machen. Dabei spielt es nur eine untergeordnete Rolle, welche Religion jeweils instrumentalisiert wird.

Doch zurück zum eigentlichen Thema:
Wer sind wir, dass wir meinen, darüber urteilen zu können, warum Menschen sich für eine Flucht entscheiden, obwohl sie in einem vermeintlich „sicheren Herkunftsland“ leben?!
Wir leben hier in einem Land, in dem es Bürger- und Menschenrechte gibt, in dem wir so leben können, wie wir es wollen und in dem Frieden herrscht. Wir können gar nicht nachvollziehen, was Menschen in Systemen mit repressiven Gesetzen durchmachen müssen, nur weil sie „anders“ sind! Und doch führen wir uns immer wieder auf, als seien wir allwissend oder zumindest intelligenter als „die Flüchtlinge“. Es ist diese Arroganz und Ignoranz, die es Schutzsuchenden schwer macht, wirklich aufgenommen zu werden. So werden diese Menschen, die in vielen Fällen eine gute Bildung haben und in ihrem Heimatland einen guten Job hatten, hier wie Unterbelichtete behandelt.
Warum eröffnet man diesen Menschen nicht einfach die Möglichkeit, sich möglichst schnell in ihrem vorher ausgeübten Beruf so weit fortzubilden, dass es den hierzulande geltenden Standards entspricht? Das kann insg. nicht so viel teurer sein, als irgendwelche Kurse der Arbeitsagentur. Zumal mit einer solchen Möglichkeit ein teurer Integrationskurs erübrigen würde, denn die Menschen wären so von Anfang an leichter zu integrieren. Quasi „Learning by doing“ in etwas abgewandelter Form. Aber die derzeitige Handhabung führt genau in die Richtung, in die es eigentlich nicht gehen soll. Überspitzt könnte man sagen, dass das derzeitige System viele Flüchtlinge geradezu in die Kriminalität/Illegalität zwingt. Das kann es doch nicht sein!

Dabei ist es nun einmal eine Tatsache, dass Kriminalität in viel größerem Maße von den Perspektiven und der Integration in die Gesellschaft abhängt, als bspw. von Nationalität oder Religion. (3) Es gäbe unzählige Beispiele für Jugendliche ohne Migrationshintergrund, die keine Perspektive haben, nicht in die Gesellschaft integriert sind und kriminell werden. Es ist jedoch auch eine Tatsache, dass Flüchtlinge gefährdeter sind, z. B. durch Traumata wegen Gewalterfahrungen. Solche Aussagen werden von gewissen Leuten gerne belächelt, doch das ändert nichts daran, dass auch Traumata, insb., wenn die erwähnte Perspektivlosigkeit dazukommt, eine Ursache für das Abrutschen in die Kriminalität sind. Das könnten Psychologen ebenso wie Kriminologen bestätigen.

Leider spielen Fakten zurzeit selten eine Rolle, wenn es um Flüchtlinge und die angeblich fehlende Sicherheit in Deutschland geht. Ausschlaggebend sind Gefühle, schlimmer noch, es sind vor allem diffuse Ängste, die zu einer Unmenge von Vorurteilen führen. Dagegen kommen Fakten und Tatsachen kaum an. Und genau das ist das Dilemma:
Es werden immer mehr Abschiebungen gefordert, man will immer mehr Repressalien gegen Flüchtlinge und am besten kaum noch welche aufnehmen.

Richtig wäre jedoch etwas anderes:
Auf der einen Seite muss man endlich mehr auf die geflohenen Menschen und ihre Probleme eingehen – die wenigsten haben „einfach so“ die meist lebensgefährliche Flucht auf sich genommen -, auf der anderen Seite müssen klare Grenzen gesetzt werden. Das würde bedeuten, dass es mehr Sozialarbeiter braucht, die auf die spezifischen Probleme von (jungen) Flüchtlingen spezialisiert sind. Sicherlich würde das Geld kosten, es wäre aber eine Investition, die sich lohnen würde.
Doch auch die Gesellschaft insgesamt muss ihren Teil beitragen, dass Flüchtlinge das Gefühl haben, angekommen zu sein. Und wenn man diesen Menschen nur mal einen freundlichen Blick „schenkt“. Es ist traurig, wie viele „nicht-deutsch“ aussehende Menschen sagen, dass sie selten erleben, dass ihnen mal ein freundlicher Blick zugeworfen wird. Dafür ist immer wieder die Rede von Anstarren oder auch unfreundlichen Blicken. Selbst wenn auch das in vielen Fällen ein subjektives Gefühl ist, es kommt wohl kaum aus dem Nichts.

Ein weiteres Problem sind die langen Wartezeiten bis zur Entscheidung über die jeweiligen Asylanträge. Ich glaube, dass kann sich niemand vorstellen, der es nicht erlebt hat:
Das oftmals monatelanges Warten auf die Entscheidung führt dazu, dass die Betroffenen sich fühlen, als hingen sie „in der Luft“. Dazu kommen viel zu oft fehlende finanzielle Mittel, die gerade junge Menschen oft dazu verleiten, Illegales zu tun. Das ist übrigens auch bei „einheimischen“ Jugendlichen bzw. jungen Menschen so.
Eine Rolle spielt dabei auch der zum größten Teil ausgesetzte Familiennachzug. Dies ist ein Punkt, den ich so gar nicht nachvollziehen kann.
Denn in zahlreichen Fällen würde der Familiennachzug eine positive Wirkung haben – insb. auf junge Menschen. Doch insb. die Union, die sonst immer gerne davon spricht, wie wichtig ihnen Familien sind. Das gilt aber offenbar nur für deutsche Familien, denn Flüchtlingsfamilien wird ein Zusammenleben verweigert. Zugleich beschwert man sich jedoch über die ganzen „alleinreisenden, jungen Männer“, ohne auch nur daran zu denken, dass ein Großteil dieser Männer ihre Familien nachholen wollten. Sie haben sich allein auf den gefährlichen Weg nach Europa gemacht, um den Frauen und Kindern diese Flucht zu ersparen. Sie gingen – verständlicherweise – davon aus, dass sie als anerkannte Flüchtlinge ihre Familien auf legalem Weg nachholen konnten. Doch selbst unzähligen Syrern ist es weiterhin nicht erlaubt, ihre Familien nachzuholen.

Das alles sind nur einige Dinge, die – wie schon geschrieben – in einen Teufelskreis führen, der sich – wenn es weitergeht wie bisher – immer schneller drehen wird. Es wird sehr schwer werden, diesen zu stoppen, wenn nicht bald ein echtes Umdenken einsetzt.
Leider sieht es zurzeit nicht danach aus, denn es werden weiter falsche Schlüsse gezogen – man macht den Zuzug von Flüchtlingen verantwortlich und knickt vor einer lauten Minderheit ein, die nicht in der Lage ist, differenziert zu denken.

Doch was ist mit all denen, die genau das tun? Denen, die wissen, dass die Sicherheitslage in Deutschland besser ist als vor einigen Jahren? Denen bewusst ist, dass es schon immer gewalttätige und kriminelle Menschen gab? Und was ist mit denen, die weiterhin dafür sind, Flüchtlinge aufzunehmen?
Es sind diese Menschen, die in der Mehrheit sind! Nur weil diese Menschen nicht laut rumschreien, heißt das nicht, dass sie nicht da sind. Leider scheinen gewisse Politiker gerade ausgerechnet denen Aufmerksamkeit zu schenken, die Beleidigungen brüllen, die Lügen und Verleumdungen verbreiten etc.
Dabei können diese Politiker derzeit jede Woche sehen, dass es viel mehr Menschen gibt, die anders denken; man denke allein an die wöchentlichen „Pulse of Europe“-Demonstrationen. Das sind die Menschen, für die sich Politiker interessieren sollten!
Diese Menschen wollen ein besseres, tolerantes Europa, das seine Werte wirklich lebt und sie haben – im Gegensatz zu denen mit den vermeintlich einfachen Lösungen – Argumente.

Noch etwas: Ich persönlich kann nicht nachvollziehen, dass auf einmal ständig die Rede davon ist, sich als Frau unsicher zu fühlen. Und zwar, weil ich, wie unzählige andere Frauen, dieses Gefühl schon vor 10 und mehr Jahren hatte. Weil es Kriminalität, sexuelle Belästigung und andere Gewalttaten schon immer gab. Weil es auch Deutsche gibt, die meinen, Frauen seien Freiwild. Wenn ich mal so zurückblicke, muss ich sagen, dass ich viel öfter schlechte Erfahrungen mit deutschen Männern gemacht habe. Am deutlichsten wurde das, als ich, nachdem ich eine Zeitlang in einer „deutschen“ Gaststätte gearbeitet habe, in einer albanischen Disco gekellnert habe. Nicht ein einziges Mal wurde ich dumm angemacht oder gar angegrapscht. Vorher war das anders. Es sind nicht zuletzt diese Erfahrungen, die mir bestätig(t)en, dass das Problem nicht irgendeine Nationalität oder Religion ist, sondern Erziehung, gesellschaftliche Stellung und natürlich Alkohol. Denn letzterer kann auch jemanden, der eigentlich eine gute gesellschaftliche Stellung hat, zum Grapscher werden lassen. Leider wollen das viele gar nicht erst wahrhaben – im Gegenteil, z. T. wird man (als Frau) für derlei Äußerungen sogar beleidigt. Ohne sich bspw. auch nur minimal für die Entstehung dieser Ansichten zu interessieren. Aber meistens dringen solche Erfahrungen gar nicht richtig durch – es passt halt nicht ins Weltbild.
Ich weiß noch, wie ich mich aufgeregt habe, als irgendwann im Laufe der Diskussion über die Kölner Silvesternacht 2015/2016 ein CSU-Politiker ernsthaft den Satz von sich gab, dass es beim Oktoberfest ja wohl dazu gehöre, bspw. einer Kellnerin an den Hintern zu fassen.
Wie bitte?! Diese doppelten Standards sind widerlich. Auf dem Oktoberfest soll Grapschen ’normal‘ sein, aber wenn die Täter nicht-deutscher Herkunft sind, werden solche Verhaltensweisen zum tage- bis wochenlangen Thema Nr. 1. Entweder ich verurteile jegliche sexuelle Belästigung oder ich halte ganz einfach komplett die Klappe! Aber das eine zu relativieren, während das andere dazu benutzt wird, um Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen, ist zynisch und ekelhaft. Zumal dieses „Stimmung machen“ zum größten Teil diejenigen trifft, die wirklich schutzbedürftig sind. Und dazu zählen auch Menschen aus Ländern, die angeblich sicher sein sollen.

Es geht nicht darum, wie Rechte gerne behaupten, dass die sog. Gutmenschen alle Flüchtlinge als „gut“ darstellen wollen. Nein, es geht darum, darauf aufmerksam zu machen, dass Charakter und Einstellung nicht von Nationalität, Kultur oder Religion abhängt, sondern von vielen anderen Faktoren bestimmt wird. Es geht darum, dass es in allen Ländern Menschen gibt, die sich nicht an die Gesetze halten und dass es nicht sein kann, Flüchtlinge generell zu diffamieren, weil es unter ihnen Problemfälle gibt. Gerade die Rechten wollen ja auch nicht generell als Nazis oder Menschenfeinde bezeichnet werden. Tja, wie heißt es doch so schön? „Was du nicht willst, was man dir tut, das füge auch keinem anderen zu.“ Es wäre schon viel erreicht, wenn diese Leute sich wenigstens mal daran halten würden…

So, das musste ich doch einfach mal loswerden und bevor ich gar kein Ende mehr finde, mache ich jetzt mal einen Punkt. 😉
Bleibt zu hoffen, dass bald wieder mehr auf Fakten und Tatsachen gegeben wird und die Menschen endlich einsehen, dass Veränderungen ebensowenig automatisch schlecht sind wie Fremde nicht automatisch böse sind. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt…

(1)

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama_die_reporter/Wer-hat-Angst-vorm-fremden-Mann,sendung624758.html

(2)
http://www.auswaertiges-amt.de/nn_582140/DE/Laenderinformationen/00-SiHi/AfghanistanSicherheit.html?nnm=582816

(3)
https://www.vice.com/de/article/sind-fluechtlinge-krimineller-als-deutsche-299

Das Beitragsbild habe ich irgendwann mal im Netz gefunden, aber ich kann nicht mehr sagen, wo genau.

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2 Gedanken zu “Einige Gedanken zur derzeitigen „Flüchtlingspolitik“

  1. „So werden diese Menschen, die in vielen Fällen eine gute Bildung haben und in ihrem Heimatland einen guten Job hatten, hier wie Unterbelichtete behandelt.“ „Warum eröffnet man diesen Menschen nicht einfach die Möglichkeit, sich möglichst schnell in ihrem vorher ausgeübten Beruf so weit fortzubilden, dass es den hierzulande geltenden Standards entspricht?“ Das ist schon ein Widerspruch. Wir sollten vielleicht auch mal überlegen ob nicht wir eher unterbelichtet sind. Wir haben tonnenweise Medikamente, ständig neue Krankheiten, neue Abwehrreaktionen des Körpers aber bilden uns ein unsere Standarts sind besser als jene aus Ländern diese Probleme nicht haben und über wesentlich weniger Medikamente verfügen.

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