Heilpflanzen – Giersch


Nachdem ich am Samstag den halben Tag überlegt habe, was ich als Snack für’s Pokalfinale machen sollte, der Schrank aber nicht allzu viel hergab, fiel mir eine Pflanze ein, die von den meisten Leuten vor allem als lästiges Unkraut gilt:
der Gewöhnliche Giersch (Aegopodium podagraria). Doch der zur Familie der Doldenblütler (Apiaceae)gehörende Giersch ist viel mehr als ein Unkraut:
Er ist ein gesundes Wildgemüse, das viele Vitamine und Spurenelemente enthält und wohl bereits zur Steinzeit als Gemüse genutzt wurde.
Also habe ich einige Blätter Giersch, dazu die ersten nachwachsenden Schnittlauchblätter und etwas Rosmarin gesammelt und Spätzle, von denen ich noch eine Vierteltüte im Schrank hatte, gekocht. Nach dem Abgießen habe ich die Kräuter mit etwas Öl dazugegeben und das Ganze nochmal kurz bei niedriger Hitze auf die Herdplatte gestellt. Glücklicherweise habe ich dann noch einen Parmesankäse-Rest gefunden, der das improvisierte Gericht noch gut aufgewertet hat. Basilikum hätte das Ganze noch leckerer schmecken lassen, aber ‚dank‘ des kühlen, unangenehmen Wetters Anfang Mai musste ich diesen nochmal neu aussäen. Letztlich war ich aber zufrieden.
Nun aber genug davon und zur Beschreibung des Doldenblütlers:

Blätter und Blütenstände des Giersch aus meinem Herbarium

Der Giersch ist eine ausdauernde, krautig wachsende Pflanze, die bis zu 100 cm hoch werden kann. Die weißlichen Wurzeln sind leicht giftig und bilden starke, unterirdische Triebe, was auch der Grund für den Ruf als kaum zu beseitigendes Unkraut ist. Denn selbst wenn bei Entfernung nur ein kleiner Teil der Wurzel im Boden bleibt, kann ein neuer Trieb entstehen, der sich dann schnell ausbreitet.

Habitus des Giersch

Aus dem wuchsfreudigen Rhizom sprießen hohle, kantige Stängel heraus, an denen die meist dreifach gefiederten, länglich-ovalen Laubblätter mit gesägtem Blattrand wechselständig an recht langen Stielen stehen. Allerdings erscheinen die gefiederten Blätter auf den ersten Blick wie drei kleinere Einzelblätter, woher wohl auch die Bezeichnung „Dreiblatt“ stammt.

Giersch – Ganze Pflanze mit noch nicht voll ausgebildetem Blütenstand

Etwa ab Mitte bis Ende Mai bis in den Juli hinein erscheinen die flachen doppeldoldigen Blütenstände, die aus bis zu 25 Strahlen bestehen, in denen jeweils die zwittrigen, weißen, fünfzähligen Einzelblüten angeordnet sind.

Blütenstand des Giersch

Nach der erfolgten Befruchtung bilden sich ovale, zweiteilige, rund drei Millimeter lange Spaltfrüchte, die etwas an Kümmel erinnern.

Giersch kommt im fast gesamten gemäßigten Klima Europas und Vorderasien vor und wurde auch in Nordamerika eingeschleppt, wo er daher als Neophyt gilt.
Wie bereits erwähnt, ist die auch „Zaungiersch“ genannte Pflanze eine sich stark vegetativ vermehrende Pflanze, die auch recht anspruchslos ist, jedoch stickstoffreiche, frisch-feuchte Böden und schattige Plätze bevorzugt. Sie ist dennoch an sehr vielen Stellen zu finden, z. B. an Wegrändern, auf Wiesen, an Ufern und – wie die eben erwähnte Bezeichnung „Zaungiersch“ zeigt – an Zäunen sowie in Gärten, wo er aber wie schon geschrieben, vor allem als Unkraut verschrien ist.

Blühender Giersch

Gesammelt werden die Laubblätter des „Geißfuß“ von em>April bis Juli, wobei für die Nutzung in der Küche am besten möglichst junge Blätter geeignet sind. Insb. wegen der enthaltenen Vitamine und ätherischen Öle wird Giersch am besten frisch verwendet. Doch die Blätter können auch getrocknet werden – z. B. für die Zubereitung von Tee -, wozu sie in einem luftigen Raum gut ausgebreitet werden.
Auch die gereiften Samen können gesammelt und getrocknet werden, wozu am besten die gesamte Pflanze gepflückt und kopfüber über einem Leinentuch aufgehängt wird.

Wegen der Ähnlichkeit vieler Doldenblütler ist es noch wichtig darauf hinzuweisen, dass beim Sammeln unbedingt darauf geachtet werden sollte, dass Giersch bei oberflächlicher Betrachtung mit giftigen Arten wie dem (Gefleckten) Schierling verwechselt werden kann.
Allerdings lässt sich Giersch durch Merkmale wie den dreikantigen Stielen, an denen die Blätter stehen, recht gut erkennen. Zwei weitere Unterscheidungsmerkmale sind die Laubblätter, die beim Schierling viel stärker gefiedert sind und die Stängel, die im unteren Teil rötlich gefleckt sind. Zudem besitzen die Blüten des Schierlings im Gegensatz zu denen des Gierschs Hüllblätter. Es gilt also: Genau hinschauen!

Wegen der leichten Ähnlichkeit der Laubblätter mit Holunder wird Giersch übrigens manchmal auch als „Wiesenholler“ oder „Bodenholunder“ bezeichnet.

Die krautige Pflanze enthält u. a. Flavonolglykoside, ätherische Öle, Kalium, Eisen, Carotine, Vitamin C, Cumarine, Kaffeesäure, Polyine und Phenolcarbonsäuren sowie in den Wurzeln Falcarindiol.

Abgesehen von Letzterem sorgen die genannten und einige weitere Inhaltsstoffe dafür, dass das „Podagariakraut“ nicht wenige positive Wirkungen auf unseren Körper hat. So hat es insb. diuretische, blutreinigende, entzündungshemmende, krampflösende, leicht beruhigende und verdauungsanregende Eigenschaften. Dies macht das „Zipperleinskraut“ zu einem hilfreichen Mittel bei Zystitis, Verdauungsproblemen wie bspw. Obstipation sowie Gicht und rheumatischen Beschwerden. Daneben ist das Kraut ein guter Bestandteil von Frühjahrskuren. Auch wurde Giersch wegen seines Vitamin-C-Gehaltes bei Skorbut bzw. zur Prävention dieser Vitamin-C-Mangelkrankheit eingesetzt.
Äußerlich kann Giersch bei Wunden, Hämorrhoiden und Insektenstichen helfen.

Giersch wird heute leider nur noch selten eingesetzt und wird in neueren Kräuterbüchern nicht mehr erwähnt. Ebenso findet er in der Schulmedizin keinerlei Verwendung, obwohl er unter zahlreichen Heilkundigen der vergangenen Jahrhunderte eine nicht unwichtige Heilpflanze war.

Dennoch gibt es verschiedene Möglichkeiten der Anwendung des „Zaungiersches“, wobei die Verwendung im frischen Zustand am wirksamsten ist. Dennoch ist auch hier die Zubereitung als Tee möglich. Dazu ein gut gehäufter Esslöffel (oder zwei gehäufte Teelöffel) der getrockneten Blätter mit 200 ml kochendem Wasser übergießen und nach fünf bis maximal zehn Minuten abseihen. Da durch das Trocknen insb. die enthaltenen Vitamine zerstört werden, ist dieser Tee vor allem zur Anwendung bei Gicht und rheumatischen Beschwerden geeignet.
Der Tee kann auch mit frischen Blättern zubereitet werden, wobei jedoch auch hierbei das Vitamin C weitgehend zerstört wird – dieses Mal allerdings durch die Hitze. Außerdem schmeckt ein Tee aus den getrockneten Blättern etwas besser.

Um die Inhaltsstoffe zu erhalten, empfiehlt es sich, insb. während Frühjahrskuren, auf frische, rohe Pflanzenteile zurückzugreifen. Eine Möglichkeit ist hier neben der Verwendung als Salat der aus dem frischen Kraut gepresste Saft. Dazu wird aus den frischen Trieben Saft gepresst, der dann mit (Mineral-) Wasser oder Buttermilch vermischt wird und am besten kurmäßig – bis zu vierzehn Tagen – eingenommen wird.

Für die äußere Anwendung, z. B. bei (nicht offenen) Wunden, aber auch zur äußeren Behandlung von rheumatischen Schmerzen eignen sich besonders Umschläge aus frischen, zerquetschten Blättern. Diese werden auf die betroffenen Stellen gegeben und mit einem Leinentuch oder eine Mullbinde fixiert.
Bei Hämorrhoiden empfiehlt sich dagegen ein Sitzbad mit Giersch als Zusatz.

Und natürlich findet der in rohem Zustand geschmacklich an Petersilie erinnernde „Geißfuß“ – wie bereits erwähnt – in der Küche Verwendung, wo er in Salaten, als (gekochtes) Gemüse, in Kräuterquarks und Suppen eingesetzt werden kann. Außerdem passt Giersch auch gut zu Gerichten wie Rührei.

Da sein Geschmack in gekochtem Zustand an Spinat erinnert, kann der „Wiesenholler“ auch wunderbar als Spinatersatz verwendet werden.

Für Salate, als Spinatersatz und in Kräuterquarks werden am besten die möglichst jungen Blätter und Triebe verwendet, wogegen sich ältere Blätter auch gut als Petersilienersatz bspw. in Suppen eignen.

Übrigens können die getrockneten Samen gut als Gewürz genutzt werden und die Blüten eignen sich auch zum Garnieren von Salaten o. ä.

Natürlich ist auch beim „Geißfuß“ zu beachten, dass die Pflanze nicht als Ersatz für einen Arztbesuch und eine möglicherweise notwendige Behandlung mit synthetischen Arzneimitteln gesehen werden sollte.
Beispiel Zystitis:
Hier sind in den meisten Fällen Bakterien die Verursacher, weshalb ein Antibiotikum notwendig ist, um zu verhindern, dass die Keime aufsteigen und die Nieren erreichen. Die Anwendung von diuretisch wirkenden Heilpflanzen sollte daher unbedingt als unterstützende Therapie angesehen werden.

Im Folgenden noch ein paar Rezepte mit Giersch:

Gierschpesto
Dazu werden fünf Knoblauchzehen zerkleinert und mit rund 50 g Gierschblättern, 80 ml Pflanzenöl (am besten Olivenöl) sowie 70 g Parmesankäse und etwas Pfeffer in einen Küchenmixer geben und gut durchpürieren. Alternativ kann auch ein gewöhnlicher Mörser genutzt werden, was aber natürlich etwas länger dauert.
Dann die Masse in ein Glas oder mehrere Gläser füllen, etwas Öl auf die Oberfläche geben und im Kühlschrank, wo sich das Pesto etwa einen Monat hält, aufbewahren.

Giersch-Limonade
Eine gute Handvoll Giersch und vier Stängel Melisse und mit einer in Scheiben geschnittenen Zitrone in eine große Schüssel mit einem Liter Apfelsaft (möglich wären aber auch andere Säfte) geben. Einige Stunden (am besten über Nacht) durchziehen lassen, Kräuter und Zitronenscheiben entfernen und mit einem halben Liter Mineralwasser aufgießen. Möglichst kühl – z. B. mit Kräutereiswürfeln – servieren.

Gierschquiche
40 g Gierschblätter maximal drei Minuten blanchieren, Wasser ausdrücken und zerkleinern. Zwei bis drei in Würfel geschnittene Zwiebeln und drei zerhackte Knoblauchzehen in etwas Pflanzenöl anbraten. In der Zwischenzeit vier Eier mit einem Becher Sahne sowie Salz, Pfeffer, Paprika und etwas Muskat verquirlen. Giersch, Zwiebeln, Knoblauch und möglichst weitere Kräuter mit 80 g geriebenem Käse in die Ei-Sahne-Masse geben.
Den Flammkuchenteig (Fertigprodukt oder selbstgemacht) in einer Tarteform ausbreiten, einige Male mit einer Gabel einstechen und die Eier-Giersch-Masse auf dem Teig verteilen. Mit rund 80 g Käse bestreuen und bei 200 Grad etwa 30 Minuten backen.

Rührei mit Giersch
Eine nicht zu kleine Zwiebel in Würfel schneiden und in einer Pfanne mit etwas Pflanzenöl anschwitzen. (Wer mag, kann auch etwas Schinken oder Speck zugeben.) Eine Paprika (und/oder anderen Gemüsesorten) sowie eine Handvoll Giersch waschen, zerkleinern, zu den Zwiebelwürfeln in die Pfanne geben und zwei Eier in einer Schüssel verquirlte hinzufügen. Mit Salz, Pfeffer und Paprika abschmecken, je nach Geschmack können auch noch weitere Kräuter (z. B. Schnittlauch, Basilikum und/oder Oregano) zugegeben werden.
Die angegebene Menge reicht für eine Person, kann aber selbstverständlich variiert werden.

Einige weitere Rezeptvorschläge hier unter (1).

Bevor ich zum Schluss komme, noch einige Sätze zur botanischen Bezeichnung:

Der Gattungsname „Aegopodium“ ist eine Zusammensetzung aus den griechischen Wörtern „aigeos“ (= Ziege) und „pous-podos“ (= Fuß), die sich wohl vor allem auf die Form der Blätter beziehen soll, die in den Augen der Namensgeber an einen Ziegenfuß erinnern. Auf diesen Zusammenhang weist auch die bereits im Text verwendete deutsche Bezeichnung „Geißfuß“ hin.

Der Zusatz (auch als Artepitheton bezeichnet) „podagraria“ geht dagegen wahrscheinlich auf den Ausdruck „Podagra“ (Gicht) zurück – schließlich wurde der Giersch schon vor einigen Jahrhunderten in der Volksmedizin bei Gicht, aber auch bei Rheumatismus eingesetzt. Auch darauf weist eine deutsche Bezeichnung hin, die ich im Verlauf des Beitrages ebenfalls schon verwendet habe: „Podagariakraut“.

So, das war soweit das Wichtigste zu dem vielseitigen, gesunden „Unkraut“.
Weitere Informationen zum Giersch z. B. unter:

https://www.kraeuter-welt.de/heilpflanzen/heilkraeuter/giersch.html

https://www.kraeuter-verzeichnis.de/kraeuter/giersch.htm

https://www.pflanzen-vielfalt.net/wildpflanzen-a-z/übersicht-a-h/giersch-gewöhnlicher/

https://www.heilpflanzenkatalog.net/heilpflanzen/heilpflanzen-europa/212-giersch.html

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