Wort der Woche (8)


Heute morgen dachte ich darüber nach, welches Wort dieses Mal das «Wort der Woche» wird, kam aber zu keinem Ergebnis, weshalb ich erstmal nicht mehr drüber nachgedacht habe.
Später am Tag las ich dann einen Artikel über Poggenburg und das geleakte Chatprotokoll einer WhatsApp-Gruppe der AfD Sachsen-Anhalt (1), in dem er unter anderem von „linken Ideologen“ schwafelte.
In dem Moment war mir klar, dass das «Wort der Woche» dieses Mal „Ideologie“ ist.

Denn es vergeht in letzter Zeit kaum ein Tag, an dem man dieses Wort nicht hört oder liest. Es ist kaum möglich, daran vorbeizukommen.
Besonders häufig ist von AfD-Mitgliedern und -Sympathisanten zu hören/zu lesen, wie sie sowas wie eine “Herrschaft linker Ideologen/Ideologie” ‚beklagen‘.

Was aber ist „Ideologie” eigentlich?
Und kann man überhaupt von einer „linken Ideologie“ sprechen?

Unter anderem darum soll es hier gehen.
Zunächst einmal zur Bedeutung des Wortes:

„Ideologie“ ist aus den griechischen Begriffen „idea“ (= Idee) und „logos“ (= Lehre, Rede) zusammengesetzt und wurde im 19. Jahrhundert aus dem französischen „idéologie“ ins Deutsche übernommen.

Umgangssprachlich steht „Ideologie“ heute meist für „Weltanschauung“. (2) Des weiteren wird Ideologie auch mit einer bestimmten Denkweise über die Menschen und/oder die Gesellschaft übersetzt, womit natürlich auch politische und soziale Theorien als Ideologie einzustufen sind.
Umgangssprachlich hat „Ideologie“ oft einen negativ besetzen Hintergrund, weil der Begriff eben auch eine dogmatische, starre Denkweise meinen kann.
Daher lässt sich schon einmal festhalten, dass Ideologie an sich erst einmal nichts schlimmes ist. Problematisch wird es jedoch, wenn es sich eben um eine Weltanschauung handelt, die sich nicht mit der Gesellschaft weiterentwickelt. Dies trifft bspw. auf Islamismus und Rechtsextremismus zu, teilweise aber auch auf einige radikal eingestellte Linke. Dennoch ist die Unfähigkeit zur Weiterentwicklung hauptsächlich bei den beiden erstgenannten Ideologien besonders ausgeprägt.
Ein Beispiel dafür ist die AfD:

Zunächst fing man vorrangig in die eurokritische Richtung, man hat sich aber auch klar als das präsentiert, was als „konservativ“ bezeichnet wird. Letztlich war es aber immer nur eine Frage der Zeit, bis diese „Partei der Wirtschaftsprofessoren“ ihr wahres Gesicht zeigen würde. Denn nach und nach kamen immer mehr Mitglieder zum Vorschein, die ganz klar rechte Ideologien vertreten. Und sog. Konservative wie Gauland, Meuthen & Co. merken natürlich schnell, auf welche Seite sie sich zu stellen haben. Schließlich gibt es da noch diese laute Minderheit, die sich für „das Volk“ hält. Diese Menschen sind in den Augen von Opportunisten wie den schon genannten Gauland & Co. selbstredend Wählerpotential. Halt nichts anderes als Stimmvieh. Da können AfD-Sympathisanten noch so daran glauben, dass die AfD sich für ihre Probleme interessiert.
Doch AfDler interessieren sich in erster Linie für die finanziellen Vorteile eines Parlamentssitzes, manchen geht es auch einfach um Macht und Einfluss.

So kam es 2015 zur Spaltung, die AfD wanderte weiter nach rechts, Lucke und weitere Noch-AfD-Mitglieder traten aus der Partei aus.
Seither wurde die Ausrichtung der AfD immer nationalistischer, man schürte bewusst Vorurteile, provozierte noch bewusster mit „politisch unkorrekten“ Aussagen und vor allem inszenierte man sich immer wieder als Opfer. Opfer von Zensur, Opfer von ‚Umvolkung‘ und was weiß ich.
Es ist geradezu lächerlich, sich über fehlende Meinungsfreiheit zu beklagen, wenn AfD-Mitglieder und -Sympathisanten Tag für Tag ihren Unsinn verbreiten. Oft genug sogar in Talkshows der öffentlich-rechtlichen Medien.
Das zugrundeliegende Problem ist wahrscheinlich vor allem, dass diese Leute Kritik mit Zensur verwechseln. Denn Meinungsfreiheit bedeutet auch, dass jeder die Meinung eines anderen kritisieren darf. Insb., wenn dieser sich Politiker nennt. Doch Kritik ist bei den vermeintlichen Verfechtern der Meinungsfreiheit nicht erwünscht. Wer kritisiert oder nachfragt (z. B. nach Belegen für eine Behauptung) wird geblockt und manchmal vorher noch beschimpft.
Wow, tolles (Nicht-) Verständnis von Meinungsfreiheit! 😱😩
Doch ich komme vom Thema ab.

Denn ich möchte mich noch mit obiger Frage beschäftigen, ob es überhaupt die „linke Ideologie“ gibt – wie AfDler es gerne behaupten. Zumal diese in dem Zusammenhang auch gerne so tun, als sei ihre vermutete „linke Ideologie“ dogmatisch und nicht fähig zur Weiterentwicklung.
Ich sage:
Nein, es gibt nicht die linke Ideologie. Das ist schon an dem Umstand ersichtlich, dass die Linken in vielen Ländern recht gespalten sind. Und da geht es längst nicht nur um unterschiedliche Standpunkte bspw. zwischen Sozialdemokraten, Grünen und Vertretern der Linkspartei, vor allem gibt es auch innerhalb der Parteien teils große Uneinigkeiten über die Ausrichtung. Die Zersplitterung bspw. der Sozialisten zeigte sich nicht zuletzt bei den vergangenen Wahlen in Frankreich.
Selbstverständlich ist es gut, dass es unterschiedliche Ansichten gibt, nur dürfen diese nicht dazu führen, dass darüber das wirklich Wichtige vergessen wird – auf Deutschland bezogen:
Dass es nach viel zu langen Jahren einer schwarz-geführten Regierung einen Neustart in der Politik braucht. Und dass der Rechtsruck gestoppt wird.

Das gilt in größerem Maßstab, aber in ähnlicher Weise, auch für die gesamte EU. Und deshalb wäre es gerade zur Zeit sehr wichtig, dass die Parteien, die eher zum linken Spektrum zählen, sich auf ihre gemeinsamen Nenner besinnen, um endlich dem falschen Weg der Konservativen à la CDU oder Tories eine echte Alternative entgegenzustellen. Eine sozial, gerecht und menschenfreundlich handelnde Alternative, die vorhandene Probleme nicht mit Schnellschüssen lösen will, sondern mit Voraussicht und Geduld.
Die die echten Probleme der Menschen ernst nimmt und nicht vor lauten Schreihälsen einknickt. Denn sie stellen eben nicht die Mehrheit des Volkes dar, auch wenn sie das gerne so kolportieren.

Dies scheint allerdings zurzeit das Unmöglich. Und das zeigt ziemlich klar, dass es keine einheitliche linke Ideologie gibt. Es gibt auch keine einheitliche rechte Ideologie, es gibt nicht einmal die islamistische Ideologie. Doch das vereinende Problem dieser in diversen Punkten unterschiedlicher Ideologien ist, dass sie alle u. a. rückwärtsgewandt, ewiggestrig und menschenfeindlich sind. Leider bekommen es die Rechten offenbar hin, bestimmte Uneinigkeiten zurückzustellen, wenn es darum geht, gegen die vermeintliche „linke Herrschaft“ zu agieren. Und genau das macht die Rechten gefährlich. Aus diesem Grunde sollten die verschiedenen linken Parteien und Gruppierungen im Kampf gegen Rassismus, Menschenfeindlichkeit, Rückwärtsgewandheit etc. – kurz gegen einen weiteren Rechtsruck – zusammenhalten.
Allen Unstimmigkeiten bei anderen Themen zum Trotz, was selbstverständlich nicht bedeutet, dass nicht weiter über die Unstimmigkeiten diskutiert werden müsste – im Gegenteil! Schließlich können unterschiedliche Standpunkte nur durch echte Diskussionen überwunden werden.

Zudem ist die “Herrschaft der linken Ideologie” auch aus einem weiteren Grunde Unsinn:

Es gibt nicht viele linke Ideologien, die sich über die Jahre nicht oder kaum weiterentwickelt haben. Selbst die Partei „Die Linke“ hat sich über die Jahre weiterentwickelt.
Insofern sollten die Rechten erst einmal in den Spiegel schauen, bevor sie anderen irgendwelche dogmatischen Ideologien vorwerfen. Doch wer nicht über den Tellerrand hinausschauen kann, kann offenbar nur von sich auf andere schließen.

Und überhaupt – das muss ich jetzt noch kurz loswerden 😌 -, es ist einfach lächerlich, dass jeder, der etwas gegen rechte Gesinnungen hat, gleich als linksextremistisch eingestuft wird; selbst die CDU wird von AfD-Anhängern in die Nähe der Antifa gestellt. Und spätestens da wird es dann wirklich lächerlich.
Auch, wenn es eigentlich alles andere als lächerlich ist….

Hier noch vier Links zum Thema „Ideologie“:

http://m.spiegel.de/wissenschaft/mensch/ideologien-was-heisst-das-eigentlich-noch-links-kolumne-a-1141372.html

https://www.freitag.de/autoren/goedzak/ideologie

http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/41434/ideologie

https://www.freitag.de/autoren/roesike-axel/ideologie

(1)

https://www.welt.de/politik/deutschland/article165779082/AfD-Mann-Poggenburg-fordert-Deutschland-den-Deutschen.html

Hintergrund:
https://www.wr.de/politik/whatsapp-nachrichten-setzen-afd-landesverband-unter-druck-id210976999.html

https://linksunten.indymedia.org/de/system/files/data/2017/06/3098700935.txt

(2)

http://www.duden.de/rechtschreibung/Ideologie

http://www.wissen.de/fremdwort/ideologie

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